Ein deutscher Zulieferer wird in den USA verklagt. Plötzlich soll der Vertriebsleiter aus Stuttgart in einer sogenannten Deposition aussagen, einer Zeugenbefragung unter Eid außerhalb des Gerichtssaals. Die Fragen kommen auf Englisch, die Antworten möchte er auf Deutsch geben, und am Ende entsteht ein Wortprotokoll, das vor Gericht verwendet wird. Spätestens jetzt wird klar, wie wichtig Dolmetschen und Übersetzen im amerikanischen Prozessrecht sind.
Dieser Beitrag erklärt, worauf es bei der Übersetzung von Zeugenaussagen und Prozessunterlagen für US-Verfahren ankommt.
Was ist eine Deposition
Im US-Zivilprozess gibt es eine umfangreiche Beweiserhebung vor der eigentlichen Verhandlung, die sogenannte Discovery. Dazu gehören Depositions: Zeugen werden von den Anwälten beider Seiten unter Eid befragt, ein Court Reporter erstellt ein Wortprotokoll, oft wird zusätzlich gefilmt.
Was in einer Deposition gesagt wird, kann später wörtlich vor Gericht zitiert werden. Ungenauigkeiten in der Verdolmetschung oder Übersetzung können deshalb erhebliche Folgen haben.
Dolmetschen während der Befragung
Sagt ein deutschsprachiger Zeuge aus, ist ein qualifizierter Dolmetscher Pflicht. Er überträgt Fragen und Antworten konsekutiv, also abschnittsweise. Jede Seite kann einen eigenen "Check Interpreter" mitbringen, der die Verdolmetschung überwacht und bei Abweichungen eingreift.
Für Zeugen ist eine Vorbereitung sinnvoll: kurze Antworten, Pausen für den Dolmetscher, keine Spekulationen. Wer eine Frage nicht verstanden hat, sollte nachfragen, statt zu raten.
Übersetzung von Protokollen und Beweismitteln
Neben der mündlichen Aussage spielen schriftliche Dokumente eine große Rolle: E-Mails, Verträge, interne Berichte, Protokolle. Liegen sie auf Deutsch vor, müssen sie für das US-Verfahren ins Englische übersetzt werden. Umgekehrt brauchen deutsche Mandanten und ihre Anwälte die englischen Schriftsätze auf Deutsch, um sie verstehen und bewerten zu können.
Eine fachkundige juristische Übersetzung berücksichtigt, dass amerikanische und deutsche Rechtsbegriffe nicht deckungsgleich sind. "Discovery", "Subpoena" oder "Privilege" haben keine exakte deutsche Entsprechung und werden meist mit Erläuterung übertragen.
Seiten- und Zeilennummern erhalten
Deposition-Protokolle sind nach Seiten und Zeilen nummeriert. Anwälte zitieren genau diese Stellen. Die Übersetzung muss die Struktur deshalb so übernehmen, dass Verweise eindeutig bleiben.
Wann eine Beglaubigung nötig ist
US-Gerichte verlangen meist eine Erklärung des Übersetzers zur Richtigkeit und Vollständigkeit, eine sogenannte Certification. Werden die Unterlagen später auch in Deutschland verwendet, etwa in einem Parallelverfahren oder bei einer Vollstreckung, ist oft eine beglaubigte Übersetzung Englisch Deutsch durch einen in Deutschland ermächtigten Übersetzer erforderlich.
Wer beide Anforderungen von Anfang an kennt, kann die Übersetzungen so beauftragen, dass sie auf beiden Seiten des Atlantiks verwendbar sind.
Rechtshilfe zwischen Deutschland und den USA
Beweisaufnahmen in Deutschland für ausländische Verfahren unterliegen besonderen Regeln, unter anderem dem Haager Beweisaufnahmeübereinkommen. Informationen zur internationalen Rechtshilfe in Zivilsachen stellt das Bundesamt für Justiz bereit. Ersuchen und begleitende Unterlagen müssen dabei häufig übersetzt werden.
Familienrechtliche Verfahren
Nicht nur Unternehmen sind betroffen. Auch in familienrechtlichen Fällen mit Bezug zu den USA, etwa bei Sorgerechtsstreitigkeiten oder der Anerkennung einer Scheidung, werden Aussagen und Urkunden übersetzt. Wer zum Beispiel eine deutsche Scheidungsurkunde übersetzen lassen muss, sollte darauf achten, dass alle Vermerke zur Rechtskraft und alle Stempel vollständig übertragen werden.
Typische Fehlerquellen
- Fachbegriffe werden wörtlich statt sinngemäß übersetzt.
- Namen, Firmenbezeichnungen und Zahlen werden uneinheitlich geschrieben.
- Datumsangaben werden im US-Format missverstanden.
- Handschriftliche Notizen in Dokumenten werden übersehen.
- Die Übersetzung verliert die Seiten- und Zeilenstruktur des Originals.
Vertraulichkeit und Datenschutz
Prozessunterlagen enthalten Geschäftsgeheimnisse und personenbezogene Daten. In der Discovery werden oft große Mengen interner Kommunikation offengelegt. Der Übersetzungsdienstleister muss sichere Datenwege, Verschwiegenheitsvereinbarungen und eine Verarbeitung im Einklang mit der DSGVO gewährleisten. Kostenlose Online-Übersetzer sind für solche Inhalte tabu.
Große Datenmengen effizient bewältigen
In umfangreichen Verfahren werden Tausende Dokumente gesichtet. Nicht alle müssen vollständig übersetzt werden. Bewährt hat sich ein gestuftes Vorgehen: Zunächst prüfen zweisprachige Fachleute oder Suchwerkzeuge, welche Dokumente relevant sind. Nur diese werden anschließend vollständig und zertifiziert übersetzt. So lassen sich Kosten und Zeit erheblich reduzieren.
Gezielte Auswahl spart Budget, ohne die entscheidenden Beweise zu gefährden.
Zeitdruck einplanen
US-Verfahren folgen strengen Fristen. Übersetzungen für Schriftsätze oder Depositions werden oft kurzfristig benötigt. Ein Dienstleister mit Erfahrung in Prozessübersetzungen kann ein Team zusammenstellen, Terminologie vorab abstimmen und auch bei engen Zeitplänen gleichbleibende Qualität liefern.
Vorbereitung des Zeugen
Für deutsche Zeugen ist eine Deposition oft ungewohnt. Die Befragung kann viele Stunden dauern, die Anwälte der Gegenseite stellen gezielt kritische Fragen, und jedes Wort wird protokolliert. Eine gründliche Vorbereitung mit dem eigenen Anwalt ist deshalb unerlässlich.
Dazu gehört auch eine Probe mit Dolmetscher. Der Zeuge lernt, in kurzen Abschnitten zu sprechen, Pausen zuzulassen und bei Unklarheiten nachzufragen. Er erfährt, dass er nicht auf Englisch antworten sollte, auch wenn er die Frage verstanden hat, denn sonst entstehen zwei Sprachfassungen derselben Aussage.
Hilfreich ist zudem eine Liste mit Fachbegriffen aus dem Unternehmen, die der Dolmetscher vorab erhält. Produktnamen, interne Abteilungsbezeichnungen und technische Abkürzungen sind sonst eine häufige Quelle für Rückfragen und Unterbrechungen während der Befragung.
Nach der Aussage
Zeugen haben in der Regel das Recht, das Protokoll zu lesen und Fehler zu korrigieren. Bei deutschsprachigen Aussagen sollte dafür eine Übersetzung des englischen Protokolls bereitstehen, damit der Zeuge prüfen kann, ob seine Antworten richtig wiedergegeben wurden.
Fazit
Zeugenaussagen und Prozessunterlagen für US-Verfahren verlangen präzises Dolmetschen und sorgfältige juristische Übersetzung. Wer die Besonderheiten des amerikanischen Prozessrechts kennt, Beglaubigungen frühzeitig plant und mit spezialisierten Fachleuten arbeitet, schützt seine Position vor Gericht und vermeidet teure Missverständnisse.
